Stadtchronik

Geschichte des Parchimer Rathauses

Rathaus vor langer Zeit vom Schuhmarkt aus



Bald nach der Stadtwerdung (urkundlich erwähnt 1225/1226) baute Parchim am Markt sein Stadthaus. Auch die um 1246 entstandene selbstständige Neustadt Parchim besaß ihr eigenes Rathaus. Nach der Vereinigung beider Stadtteile 1282 fanden die Zusammenkünfte der Ratsmänner im Rathaus der Altstadt statt. Das Erdgeschoss enthielt neben dem Haupteingang, welcher übrigens die Tagungsstätte des Niedergerichtes war einen einzigen Raum, der als Kaufhalle diente und in dem die Ratswagen standen. Das ganze Obergeschoss nahm anfänglich nur die Ratshalle ein. Dort fanden Beratungen des Rates und der Bürgerschaft, aber auch die Sitzung des Hochgerichtes und Festlichkeiten (wie z.B. Hochzeiten) statt. Eine Schreibstube und weitere kleinere Räume wurden erst nach und nach eingebaut. Das Parchimer Rathaus besaß auch einen Weinkeller. Nach 1370 hatten die Wandschneider im Rathaus ihre Verkaufsstände. 1481 wurde das Rathaus zum Sitz der städtischen Finanzverwaltung bestimmt. Von 1667 bis 1708 war im Rathaus das Oberste Landesgericht, das Mecklenburgische Land- und Hofgericht, untergebracht. Auch der Rat nutzte mehrere Räume des Rathauses. Im Jahre 1808 erwiesen sich die Ziergiebel auf der Nordseite des Bauwerkes als so baufällig, dass sie abgebrochen werden mussten. Im Jahre 1813 wurde das Rathaus wiederum als Verpflegungsmagazin für Truppenteile der Verbündeten genutzt.

Nachdem das Rathaus von 1817 bis 1820 unter der Bauleitung des Ludwigsluster Hof- und Landbaumeisters Barca um und ausgebaut worden war, diente es ab Herbst 1818 der Unterbringung des Oberappellationsgerichts für Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz. Die Stadtverwaltung hatte nur wenige Zimmer des Gebäudes in Benutzung. Barca zeigte beim Umbau keine besondere Vorliebe für die Neugotik. Er hatte sich ihrer Form nur bedient, wenn es unbedingt notwendig erschien. Bei dem Umbau griff Barca rücksichtslos in den mittelalterlichen Bestand ein. Der Haupteingang wurde an den Schuhmarkt verlegt. Hier wurde ein neues Portal durch den Einzug von vier verputzten Halbsäulen geschaffen. An die Stelle der gedrungenen Flachbogenfenster traten überall hohe Spitzbogenfenster. Zwischen Erd- und Obergeschoss wurde ein weiteres Geschoss eingezogen. In diesem Zusammenhang wurden die Fensterdurchbrüche im alten Erdgeschoss besonders stark erhöht, wobei die Spitzbogenoberteile die Räume des Zwischengeschosses erhellten. Dem Südgiebel nachgebildet wurde ein neuer Nordostgiebel gebaut, zu dessen Eingang eine Freitreppe führt. Das Satteldach wurde flacher gelegt. Am 01.10.1840 wurde das Mecklenburgische Oberappellationsgericht von Parchim nach Rostock verlegt. Seitdem wurde das Rathaus wieder Sitz der Verwaltung und ist es noch heute.

schwarz-weiß Foto der Langen Straße


Der Name Parchim erscheint zum ersten Male im Jahre 1170 in einer – inzwischen verschollenen – Urkunde, die Kaiser Friedrich I., Barbarossa, ausstellen ließ; hier wird die Burg Parchim an der Elde bei der Festlegung der Grenzen des Schweriner Bistums genannt. Aber drei Zeugen, die noch heute für jedermann sichtbar sind, durchdringen den Nebelschleier der Frühzeit des städtischen Werdens: Das ist zum Ersten die Ruine des Erdwalls der Burg aus der Slawenzeit, die in der Urkunde aufgeführt wurde; zum Zweiten sind es die Baureste einer wohl um 1200 errichteten Kirche, die noch im Mauerwerk der jetzigen St.-Georgen-Kirche zu erkennen sind; zum Dritten ist es eine überlieferte Urkunde aus den Jahren 1225/26, in welcher Stadt vom Landesfürsten umfangreiche Privilegien bestätigt wurden. Diese Urkunde enthält die Grundlagen des Parchimer Rechts, das auch anderen Städten verliehen wurde. Die wohl seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts allmählich gewachsene Altstadt von Parchim mit der St.-Georgen-Kirche liegt auf der rechten Seite des Verlaufs der Elde, und die um 1240 planmäßig „aus frischer Wurzel“ angelegte Neustadt mit der St.-Marien-Kirche entstand auf dem linken Eldeufer. Im Jahre 1282 vereinigten sich beide Städte, und die Elde fließt seit dieser Zeit mit zwei Flussarmen durch das gemeinsame Stadtgebiet. In den Jahrzehnten nach der Vereinigung schützten die Parchimer ihre Stadt durch den Bau einer hohen festen Backsteinmauer mit drei mächtigen Doppeltoren – dem Kreuz-, Wocker-, und Neuen Tor – und dort wo die Elde und der die südliche Neustadt umfließende Stadtgraben kein Wasserhindernis bilden, mit einer Wall-Graben-Anlage. Parchim hatte eine günstige Lage, denn wichtige Wege, die Wasserstraße der Elde und die Landhandelsstraße, die aus dem Brandenburgischen an die Ostsee führte, kreuzten sich hier. Zur städtischen Feldmark gehörten von alters her umfangreiche Acker-, Wiesen- und Waldflächen. Dieser Reichtum an Grund und Boden bildete zusammen mit den Verkehrsverbindungen die Grundlage für das wirtschaftliche Wachsen Parchims. So entwickelte sich die Stadt in den ersten drei Jahrhunderten ihres Bestehens zur mächtigsten Landstadt in Mecklenburg. Schon vor der Mitte des 13. Jahrhunderts erschienen in Parchimer Urkunden Ratsmänner als Partner bei Vertragsabschlüssen. Es bestand also eine geordnete „Stadtverwaltung“. Dieses beweisen aber auch die umfangreichen Baumaßnahmen, wie z.B. die Errichtung der Stadtbefestigung und der beiden großen Hallenkirchen, die in diesen Jahrzehnten durchgeführt wurden. Um diese Aufgaben zu verwirklichen, d.h. die Finanzierung zu sichern, die geeigneten Fachleute zu verpflichten und das erforderliche Baumaterial bereitzustellen, musste eine umsichtige Leitung mit entsprechendem Rückhalt in der Stadt vorhanden sein. Im Zusammenhang mit der ersten großen Landteilung bestand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auch für etwa drei Jahrzehnte eine Herrschaft Parchim, die – grob umrissen – das Gebiet zwischen dem Schweriner und Plauer See und zwischen der Elde und der Warnow umfasste. Der Landesherr, Pribislaw II., residierte zeitweise in der Parchimer Burg. In Parchim befand sich auch noch später eine Zeit lang (bis 1346) der Wohnsitz des Fürsten einer Teilherrschaft Werle. Die Burg war aber wohl schon verfallen, denn das fürstliche Anwesen, der lange Hof, befand sich nun innerhalb der Stadtmauer. Parchim nahm seit dem 14. Jahrhundert eine gehobene Stellung unter den Städten im Lande ein. Parchim war z.B. auch Mitträger von Bürgschaften bei Verträgen des Landesfürsten. Die Möglichkeiten Parchims zeigten sich auch in der landesfürstlichen Festlegung von 1354, die aussagte, dass die Stadt im Falle eines Landfriedensbruches 40 Männer ausrüsten musste; alle anderen Landesstädte hatten weniger Gewappnete zu stellen. Parchim war auch teilweise Wortführer bei Anliegen der Städte gegenüber der Landesherrschaft. Aus diesen Aufgaben entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte die Stellung als Vorderstadt des Mecklenburgischen Kreises in der ständlichen Gliederung des Landes, die bis 1918 bestand. (Außerdem gab es noch den Wendischen und den Stargardischen Kreis.) Den Höhepunkt der frühen Entwicklung erreichte Parchim mit dem Ausgang des Mittelalters. Man kann davon ausgehen, dass zu dieser Zeit hier 2500 bis 3000 Menschen lebten. Die durch die großen Entdeckungsreisen eingeleitete teilweise Veränderung des Fernhandels wirkte sich auf die Städte an der Ostsee, und damit auch auf Parchim, aus. So berichtet ein hiesiger Chronist über den Niedergang des Hopfenhandels mit „den großen See- und Handelsstädten Lübeck, Hamburg, Rostock und Stralsund“, wo dieses Erzeugnis „mit gutem Profit“ verkauft wurde. Mit der Einteilung in Kaveln (nachgewiesen seit 1540) bestand in Parchim eine Zusammenfassung von Hausgrundstücken, wie es sie in keiner anderen mecklenburgischen Stadt gab. Die etwa 25 Kaveln waren die unterste städtische Verwaltungsebene; sie hatten wichtige Aufgaben wie z.B. die Wasserversorgung der Bewohner, das Feuerlöschwesen, die Nutzung der Feldmark oder die Einziehung von städtischen Abgaben zu lösen. Die Kaveln wurden von jährlich gewählten Kavelmeistern geleitet. In den Jahren 1586 und 1612 vernichteten große Brände fast den gesamten Bestand an Wohnhäusern, deren Dächer zu dieser Zeit zuallermeist noch mit weichem Material, Stroh oder Schilf gedeckt waren. Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) wurde Parchim über fünfhundertdreißigmal von befreundeten oder feindlichen Truppen durchzogen oder besetzt, die alle Kontributionen und Verpflegung von der Stadt forderten und erpressten. Am Anfang dieser Heimsuchungen wütete hier auch noch eine Pestepidemie, die 1600 Menschenleben gefordert haben soll. Ein Chronist schrieb über die Zeit „Wunder, dass durch solche Fluten die Stadt nicht ganz in Grund gerissen wurde.“ Auch in den Jahrzehnten nach dem großen Krieg bis zur Jahrhundertwende und darüber hinaus, war Mecklenburg mehrfach Schauplatz kriegerischer Ereignisse. Die französische Besatzungszeit von 1806 – 1812/13 überstand die Stadt, nicht aber das Umland, verhältnismäßig gut. Durch Lieferungen an die Franzosen und später, während der Freiheitskriege, an die mecklenburgischen Truppen, machten einige Parchimer gute Geschäfte. Das Gedankengut der Reformation wurde in Parchim schon um 1530 durch die Brüder Caspar und Johann Lönnies verbreitet; sie wirkten besonders in der Altstadt, die auf dem rechten Eldeufer liegt. Es gab einen jahrelangen Widerstand, besonders von Seiten der Kirchenherren der St.-Marien-Kirche in der Neustadt auf dem anderen Eldeufer. Auf dem Landtag, der 1549 an der Sagsdorfer Brücke bei Sternberg stattfand, beschlossen dann die Landstände die Einführung der Reformation in Mecklenburg. Die Bevölkerung Parchims nahm dann seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis in unsere Jahrzehnte ständig zu; gegenwärtig leben hier etwa 21.000 Menschen. Diese Entwicklung erfolgte dadurch, dass für die Dauer von fast einem viertel Jahrhundert das oberste mecklenburgische Gericht hier tagte, dass seit der Mitte des Jahrhunderts Chaussee-, Eisenbahn-, Telegrafen- und Telefonverbindungen hergestellt wurden, dass die Stadt eine Garnison erhielt und Standort von Fabriken wurde. Außer den großen Mühlen und der Tuchfabrik, die schon längere Zeit hier ansässig waren, entstanden besonders metallverarbeitende Betriebe; diese Betriebsart ist bis heute hier mehrfach vertreten. Da bis 1849 mit den Grundstücken in der Stadt gewisse Acker- und Wiesenflächen untrennbar verbunden waren, waren viele Parchimer, neben ihrem eigentlichen Beruf, früher auch noch landwirtschaftlich tätig. Dieses sicherte besonders in Notzeiten die Lebensbedingungen. Eine Anzahl von Personen, die in jedem größeren Lexikon aufgeführt werden, sind mit Parchim verbunden. Hierzu gehören zum Beispiel als gebürtiger Parchimer der Philosoph und Schriftsteller Johann Jakob Engel (1741-1802), der preußische Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke (1800-1891) und der plattdeutsche Schriftsteller Rudolf Tarnow (1867-1933). Das Parchimer Gymnasium besuchten eine Zeit lang der plattdeutsche Schriftsteller Fritz Reuter (1810-1874), der Lyriker und Dramatiker Erich Mühsam (1878-1934) und der Erfinder des Echolotes Alexander Brehm (1880-1975). Als nach 1863 an den Eingängen zur Stadt keine Akzise mehr auf eingeführte Waren erhoben wurde, konnte die Enge innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer überwunden werden und es entstanden in den folgenden Jahrzehnten die Vorstädte. Diese wurden nach dem jeweiligen der drei Stadttore benannt, vor denen sie erbaut wurden. In den Jahrzehnten nach 1920 und 1950 wurden an den Rändern der Stadt weitere Wohnanlagen errichtet; dieses gilt besonders auch für das nach 1967 entstandene Wohngebiet Weststadt. Parchim wurde 1867 Standort des II. Großherzoglich Mecklenburgischen Dragonerregiments Nr. 18; dieser Truppenteil wurde 1919 aufgelöst. In den folgenden Jahren war Parchim Standort von Teilen des Reiterregiments Nr. 14. Auf einer Fläche westlich der Stadt wurde 1936 ein Militärflugplatz eingerichtet. Dieser Flugplatz wird gegenwärtig zu einem Regionalflugplatz ausgebaut. Seit 1921 ist Parchim Sitz der Verwaltung eines Amtes. Für diese Behörde wurde 1933 die Bezeichnung Kreis eingeführt. Auch bei der Umgestaltung der Verwaltung 1952 und 1994 blieb jeweils ein Kreis Parchim bestehen, der aber nicht immer dasselbe Gebiet umfasste. Die Fläche des jetzigen Landkreises Parchim kommt dem Gebiet der mittelalterlichen Herrschaft Parchim im 13. Jahrhundert nahe. Früher wie heute erkennt ein Besucher schon von Weitem die Horizontlinie Parchims mit den beiden wuchtigen roten Backsteintürmen, deren Satteldächer einmal längs und einmal quer zu den Dächern ihrer Kirchenschiffe verlaufen; es ist die Visitenkarte der Stadt. Die Atmosphäre in Parchim bestimmen dann weitgehend die beiden gotischen Hallenkirchen und das frei stehende Rathaus mit seiner erhaltenen mittelalterlichen Bausubstanz; die vielen stattlichen Gebäude aus verschiedenen Zeiten und Stilepochen, wozu auch die Fachwerkbauweise gehört; die Eldearme, die durch die Stadt fließen, und die Brücken darüber, der Moltkeplatz mit dem Denkmal und die Wallanlagen mit dem Alten Friedhof und seinen parkähnlichen Grünflächen im Stadtgebiet. Zum Parchimer Flair gehört auch die abwechslungsreiche Umgebung mit den ausgedehnten Laubwaldungen, die teilweise unmittelbar an den Stadtrand grenzen. 

Verfasser: Otto Köhnke, Parchim


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